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Das große Experten-Dilemma: Warum die Ärzte nur verlieren können

In der FAZ vom 23. Februar stand auf der Aufmacherseite des Wirtschaftsteils in großen Lettern: „Honorare der Kassenärzte steigen um fast 10 Prozent“. 10 Prozent, im Durchschnitt natürlich. Und Ärztechef (!) Köhler stellt sogleich klar, dass dies bei Weitem nicht ausreichend sei.
Doch an dieser Stelle soll es nun nicht um die Frage des ärztlichen Einkommens gehen, sondern vielmehr darum, in welchem Dilemma die Ärzteschaft gefangen ist. Denn nur wenige Tage zuvor fragte in der FAS Ärztekammerpräsident Hoppe: „Wen wollen wir zuerst behandeln?“ und thematisierte damit erneut die Konsequenzen, die sich aus dem seiner Ansicht nach unterfinanzierten Gesundheitswesen ergeben.
Ich fürchte aber, dass seine Forderung nach einer politischen Priorisierung gesundheitsmedizinischer Leistungen bei den Politikern ungehört verhallen wird. Politiker wollen wiedergewählt werden, deshalb werden Entscheidungen, die das Wahlvolk, also den Bürger, direkt betreffen, von Experten getroffen. Genau dafür – so scheint es mir jedenfalls – wurden Institutionen namens G-BA oder auch IQWiG gegründet. Viele von deren Entscheidungen waren und sind nicht wirklich nachvollziehbar – sei es die Verweigerung der Sonden- ernährung auf Krankenkassenkosten durch den G-BA oder die seltsam unterschiedliche Nutzeneinschätzung der Antidementiva Memantine im Vergleich zu Ginkgo! „Der Kassenarzt“ wird über dieses Thema in einer der nächsten Ausgaben berichten. An dieser Stelle soll nur die merkwürdige Rolle der Experten in Deutschland das Thema sein. Denn: Wenn Politiker keine Experten sind, sondern diese vielmehr brauchen, um mit deren Hilfe eine Entscheidung zu treffen, wie will dann Hoppe von der Politik eine Antwort bekommen?

Genau das ist das grundlegende Dilemma der Ärzteschaft im Umgang mit der Politik: Sie sind nicht nur Ärzte und dem hippokratischen Eid verpflichtet, sondern eben auch die Experten. Daraus folgt: Wer Experte ist, trifft die Entscheidungen, ob direkt oder indirekt. Aus diesem Dilemma wird die verfasste deutsche Ärzteschaft nicht herauskommen. In der öffentlichen oder besser der veröffentlichten Meinung schon gar nicht. Dort ist die Sachlage doch sonnenklar: Wenn die Ärzte zehn Prozent mehr bekommen (und es immer noch nicht reicht, wie Köhler vollmundig verkündete), dann muss das Geld wohl woanders weggenommen worden sein. So viel zum Thema „Priorisierung“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Vielleicht sollte sich die verfasste deutsche Ärzteschaft endlich eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit leisten. Aber dazu braucht es leider zwei Dinge: erstens klare und kommunizierbare gemeinsame(!) Ziele und zweitens Profis für die öffentliche Meinung. Aber das sind dann ja auch wieder Experten …

Deshalb zum Schluss noch eine – vielleicht etwas verwegene – Analogie: Was hat der Kölner U-Bahnbau dem deutschen Gesundheitswesen voraus? Man kann in der Realität mit viel weniger auskommen, als Experten geplant haben. Denn wenn 80 Prozent der stabilisierenden Eisenbügel (verhökert von Bauarbeitern an die örtlichen Schrotthändler) in den sogenannten Schlitzwänden fehlen, die Statiker aber trotzdem zu dem Schluss kommen, dass die Wände halten werden, bedeutet das doch im Klartext, dass dieselben Experten in ihren Bauplänen das Material vorher massiv über- dimensioniert haben müssen. Mithin könnte in Deutschland vieles kostengünstiger sein. Es käme halt mal auf einen Auslassversuch an.

Dr. Uwe. A. Richter

[05.03.10]
Aktuell
Die Wogen schlagen regelmäßig hoch, wenn über neue Aufgaben für weitergebildete Arzthelferinnen diskutiert wird. Manche halten ihren Einsatz für unnötig, andere für unbezahlbar oder für einen Angriff gegen Geldbeutel und Können der Allgemeinmediziner. Nach einem Tag an der Seite von Karin Hilker, der ersten VERAH in Bremen, können viele Vorurteile ausgeräumt werden.
Ulla Schmidt (SPD) ist weg, aber ihr zentralistischer Einheitskurs ist geblieben – vor allem in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Köhler versucht seit Langem, die regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen zu beschneiden und seiner Zentralmacht unterzuordnen. Bestes Beispiel ist der Köhlersche Honorarmurks unter dem Etikett „Reform“, vollzogen vom Zentralorgan Einheitlicher Bewertungsausschuss.
Diesmal denkt unser Insider in Berlin darüber nach, wie eine Finanzierung des Gesundheitssystems aussehen müsste, damit sie auch tatsächlich „nachhaltig“ ist. Worin die Chuzpe des neuen
BMG-Entwurfs zur Finanzreform liegt und warum der Verwaltungskostendeckel der Tod jedes Versorgungs- wettbewerbs ist ...
Verursachen Sartane Krebs? Die FDA untersucht diesen angeblichen Zusammenhang, die Europäische Arzneimittelbehörde ebenfalls. Anlass ist eine Mitte Juni online im „Lancet Oncology“ veröffentlichte Metaanalyse, nach der Sartane mit diesem Risiko assoziiert seien. Mehrere Bluthochdruck-Forscher halten die Analyse von Dr. Ilke Sipahi (Cleveland, Ohio) jedoch für methodisch völlig unzureichend.
Mitunter wollen alteingesessene Praxisinhaber jungen Kollegen die Chance geben, sich an der Gesellschaft zu beteiligen, die Kapitalbeteiligung allerdings noch etwas hinausschieben. Manchmal muss aus der Not heraus ein neuer Gesellschafter installiert werden, der rechtlich betrachtet aber keiner ist.
Sprechstunde

"Ich habe ein Herz für Raucher, weil sie natürlich die Freiheit haben, und ich meine die Freiheit haben müssen, sich zu schaden."

Jürgen Windeler
Der designierte Leiter des IQWiG zum
Thema Soli- darität im Gesundheits- system und ob ein gesund- heitsgefähr- dendes Verhalten Konsequenzen für die Ver- sorgung haben sollte.

(Bild: IQWiG)

"Jetzt wird mit dem Rasen- mäher ein bisschen über alle Bereiche
gegangen – nein, nicht über alle: nicht über die Apotheker."

Birgitt Bender
Die Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für Gesundheit zum Thema Kos­tendämpfung in der Gesund- heitspolitik.

(Bild: www.gruene-bundestag.de)

"Das ist kein Sozialausgleich,
sondern ein Verteilen von Almosen mit der Gießkanne. Das ist nicht mehr, sondern weniger Solidarität."

Elke Ferner
Die stellver- tretende Vorsitzende der SPD-Fraktion über die Folgen der Gesund- heitsreform.

(Bild: www.spdfrak- tion.de)

"Es ist an der Zeit, Cannabis aus der Schmuddelecke zu holen."

Gerhard Müller-Schwefe
Der Göppinger Schmerzmediziner befürwortet die geplante Zu- lassung Can- nabishaltiger Medikamente für Schwer- kranke.

(Bild: Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. )
 
     
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