Brief des Chefredakteurs (Artikelansicht)

Tipp an Kassen-Kapitäne: Zusatzgebühr umflaggen!

In keinem anderen Land in Europa gehen die Menschen so oft zum Arzt wie in Deutschland, so das Fazit des im Januar in Berlin vorgelegten Arztreports der BARMER GEK. Erstaunlich ist es schon, dass in 2008 pro gesetzlich Versicherten durchschnittlich 18,1 Arztkontakte zustande kamen. Das sind immerhin 0,4 mehr als im Jahr zuvor. 2004 betrug die Arztkontaktzahl pro Versicherten noch 16,4.
Die regionale Betrachtung der Arztkontakte spiegelt zugleich ein deutliches Ost-West-Gefälle: So liegen die Arztkontaktzahlen des Jahres 2008 in den neuen Bundesländern jeweils unter denen in den alten Bundesländern. Mit der stetigen Zunahme der Arztkontakte ist nach Angaben der Arztreportautoren zugleich die durchschnittliche Behandlungsdauer pro Patient auf acht Minuten gesunken. Unter Zugrundelegung der wöchentlich 224 und täglich 45 Patientenkontakte pro Arzt ergebe sich im internationalen Vergleich eine fast „doppelt so hohe“ Behandlungsanzahl. Sollte nicht eine Erfindung namens Praxisgebühr diesem Trend Einhalt gebieten?

Wenn die berichteten Zahlen stimmen, darf man getrost feststellen, dass die Praxisgebühr keinerlei steuernde Wirkung entfaltet hat. Wie auch, die Deutschen werden doch nicht über Nacht andere Menschen. Wer seinen „Eintritt“ bezahlt hat, wird ihn in dem entsprechenden Quartal auch ausnutzen wollen. Daher sollte man die Praxisgebühr ehrlicherweise als „Zusatzgebühr für die Inanspruchnahme ambulanter Leistungen“ bezeichnen.

So betrachtet ist die Praxisgebühr eine geniale Idee: nichts anderes als die momentan streitumtosten Zusatzbeiträge (es sei nur kurz erwähnt: Diese sind politisch gewollt, waren von Anfang an im System des Gesundheitsfonds angelegt) – nur besser „verpackt“.
Und im Vergleich auch noch gerechter, denn nur diejenigen, die auch Leistungen abfordern, zahlen! Noch schöner ist, dass die Kassen das Geld ohne große Kosten und Risiko bekommen können. Denn der bürokratische Aufwand für die Zusatzbeiträge ist immens. 400 Millionen Euro sollen allein in 2010 an Verwaltungskosten dafür anfallen. Den Schwarzen Peter samt Arbeit, Kosten und Inkasso hätten die Ärzte (die verdienen ja eh zu viel, so die Meinung der Kassenfunktionäre). Daher mein Tipp für die Kassenkapitäne, die in heftigem politischem Sturm in einen sicheren Hafen wollen: Einfach eine andere Flagge hochziehen, Kurs halten und statt kassen- individueller Zusatzbeiträge die Praxisgebühr verdoppeln.
Sollen doch die Ärzte es ausbaden …

Doch zurück zur BARMER-GEK-Studie: Selbst den Kassen scheint der Glaube an die Sinnhaftigkeit der Praxisgebühr abhanden gekommen zu sein. Immerhin distanzierte sich der Vizechef der neuen Großkasse
BARMER GEK, Ulrich Schlenker, jedenfalls deutlich von der jetzigen Form der Praxisgebührerhebung, da, so der O-Ton, „die Wirkung der jetzigen Gebühr fraglich ist“. Überhaupt wollte er – im Gegensatz zu den Politpopulisten und Schwätzern – die weiter zunehmende Zahl der Arztkontakte erst einmal als Zeichen der qualitativ guten Versorgung in unserem Land gewertet wissen. Das tut der geschundenen Arztseele doch gut, nicht wahr? Aber man darf wohl getrost davon ausgehen, dass es den Krankenkassen auch mit dem Thema „Arztkontakte“ letztlich nur darum geht, die Debatte um die Kosten der ambulanten ärztlichen Versorgung in Gang zu halten. Das ist angesichts des auf sie übergegangenen Morbiditätsrisikos nur allzu durchsichtig. Und genau hier liegen auch die argumentativen Herausforderungen für die ärztlichen Berufsverbände und für die Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Dr. Uwe. A. Richter

[05.02.10]
Aktuell
Die Wogen schlagen regelmäßig hoch, wenn über neue Aufgaben für weitergebildete Arzthelferinnen diskutiert wird. Manche halten ihren Einsatz für unnötig, andere für unbezahlbar oder für einen Angriff gegen Geldbeutel und Können der Allgemeinmediziner. Nach einem Tag an der Seite von Karin Hilker, der ersten VERAH in Bremen, können viele Vorurteile ausgeräumt werden.
Ulla Schmidt (SPD) ist weg, aber ihr zentralistischer Einheitskurs ist geblieben – vor allem in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Köhler versucht seit Langem, die regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen zu beschneiden und seiner Zentralmacht unterzuordnen. Bestes Beispiel ist der Köhlersche Honorarmurks unter dem Etikett „Reform“, vollzogen vom Zentralorgan Einheitlicher Bewertungsausschuss.
Diesmal denkt unser Insider in Berlin darüber nach, wie eine Finanzierung des Gesundheitssystems aussehen müsste, damit sie auch tatsächlich „nachhaltig“ ist. Worin die Chuzpe des neuen
BMG-Entwurfs zur Finanzreform liegt und warum der Verwaltungskostendeckel der Tod jedes Versorgungs- wettbewerbs ist ...
Verursachen Sartane Krebs? Die FDA untersucht diesen angeblichen Zusammenhang, die Europäische Arzneimittelbehörde ebenfalls. Anlass ist eine Mitte Juni online im „Lancet Oncology“ veröffentlichte Metaanalyse, nach der Sartane mit diesem Risiko assoziiert seien. Mehrere Bluthochdruck-Forscher halten die Analyse von Dr. Ilke Sipahi (Cleveland, Ohio) jedoch für methodisch völlig unzureichend.
Mitunter wollen alteingesessene Praxisinhaber jungen Kollegen die Chance geben, sich an der Gesellschaft zu beteiligen, die Kapitalbeteiligung allerdings noch etwas hinausschieben. Manchmal muss aus der Not heraus ein neuer Gesellschafter installiert werden, der rechtlich betrachtet aber keiner ist.
Sprechstunde

"Ich habe ein Herz für Raucher, weil sie natürlich die Freiheit haben, und ich meine die Freiheit haben müssen, sich zu schaden."

Jürgen Windeler
Der designierte Leiter des IQWiG zum
Thema Soli- darität im Gesundheits- system und ob ein gesund- heitsgefähr- dendes Verhalten Konsequenzen für die Ver- sorgung haben sollte.

(Bild: IQWiG)

"Jetzt wird mit dem Rasen- mäher ein bisschen über alle Bereiche
gegangen – nein, nicht über alle: nicht über die Apotheker."

Birgitt Bender
Die Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für Gesundheit zum Thema Kos­tendämpfung in der Gesund- heitspolitik.

(Bild: www.gruene-bundestag.de)

"Das ist kein Sozialausgleich,
sondern ein Verteilen von Almosen mit der Gießkanne. Das ist nicht mehr, sondern weniger Solidarität."

Elke Ferner
Die stellver- tretende Vorsitzende der SPD-Fraktion über die Folgen der Gesund- heitsreform.

(Bild: www.spdfrak- tion.de)

"Es ist an der Zeit, Cannabis aus der Schmuddelecke zu holen."

Gerhard Müller-Schwefe
Der Göppinger Schmerzmediziner befürwortet die geplante Zu- lassung Can- nabishaltiger Medikamente für Schwer- kranke.

(Bild: Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. )
 
     
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